Reaktionen

16.05.2021 – Artikel in der Welt am Sonntag

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05.04.2021 – Kommentar von Hendrik Auhagen auf bruchstücke.de

„Das Überziehen des Richtigen kann zum Falschen führen!“ ist der Titel eines Aufrufs, der im linken und grünen Spektrum kursiert und sich gegen eine Tendenz richtet, die einen Höhepunkt auf dem kürzlichen Parteitag der Berliner Grünen hatte. Deren Bürgermeisterkandidatin Bettina Jarasch hatte von ihrem Kindheitswunsch „Indianerhäuptling“ gesprochen. Dies löste eine Empörungswelle bei einem Teil der Grünen aus. „Indianer“ sei ein diskriminierender, migrantenfeindlicher Ausdruck. Wie reagierte Bettina Jarasch? Sie entschuldigte sich zutiefst für ihre Formulierung und gelobte Besserung. Das erinnert an stalinistische Unterwerfungs-Rituale.
Zuvor wurde Wolfgang Thierse, Sozialdemokrat und ehemaliger Bundestagspräsident, auf zum Teil üble Weise von eigenen Genossinnen und Genossen attackiert – wegen seiner Warnung vor zu viel Betonung diverser Unterschiede und wegen seines Plädoyers für das gesamtgesellschaftlich Gemeinsame. Eine Erklärung der Parteivorsitzenden Saskia Esken und des Vize Kevin Kühnert, sie schämten sich für solche Mitglieder, setzte dem Ganzen die Krone auf. Thierse sah sich angesprochen und reagierte zurecht empört.
Gleichzeitig läuft an vielen Orten in Deutschland eine Kampagne zur Säuberung von Straßennamen (weit über durchaus berechtigte Einzelfälle hinaus). Kinderbücher wie „Pippi Langstrumpf“ sollen umgeschrieben werden. Tendenzen, die immer mehr an die von totalitären Diktaturen erinnern: An den Versuch nämlich, Vergangenheit umzuschreiben. Dazu passt die häufig autoritäre Tendenz der Durchsetzung: Ohne Diskussionen, ohne Pro-und-Contra. Nur eine Meinung ist die korrekte.
Bisher haben viele Menschen aus dem linken, linksliberalen und grünen Spektrum trotz wachsenden Unbehagens geschwiegen. Denn Sensibilisierung ist zum Beispiel auch nach Ansicht der Unterzeichner und Unterzeichnerinnen des Aufufs richtig ebenso wie kritisches Bewusstsein gegenüber europäischen Selbstverständlichkeiten. Inzwischen aber wird von vielen die Kritik als maßlos und freiheitsfeindlich empfunden. – Darum ist die Zeit zu schweigen vorbei. Auch weil der Versuch, gegen 80% der Bevölkerung Politik zu machen, genau die gefährlichen Spaltungstendenzen befeuert, die Trump ins Weiße Haus gespült haben.
Ausdrücklich betont der Aufruf: „Wir wenden uns gerade nicht gegen minderheitengerechte, emanzipatorische, postkolonialistische Grundansätze, sondern ihre Pervertierung ins Gegenteil!“ Und es wird die Alternative genannt:
„Das Verbindend-Gemeinsame suchen – die Vielfalt achten und respektieren! Benachteiligung, Diskriminierung und Ausgrenzung lassen sich eben nicht durch rituelle Aufwertungsbekundungen, Sprachvorschriften und Sonderrechte überwinden. Auch Quoten sind nur als Übergangsinstrument zum Aufbrechen besonders verkrusteter Strukturen akzeptabel. Welche Herkunft, Hautfarbe, private Religion, sexuelle Orientierung oder welches Geschlecht jemand hat, darf keine Bedeutung für den Anspruch auf Respekt als Mensch und für die Anerkennung als Staatsbürgerin und Staatsbürger haben. Und auf der anderen Seite hat jeder Mensch mit diesem Anspruch auch die Verpflichtung, sich nach dem Gegenseitigkeitsprinzip so zu verhalten, wie er oder sie es von anderen verlangt – ohne dabei Ausnahmen auf Grund von Diversität verlangen zu können.“
Stand Ende März haben 80 Menschen aus dem Grünen- und SPD-Spektrum diesen Aufruf unterschrieben, der hier aufgerufen werden kann und im Folgenden auf bruchstücke dokumentiert wird. Er wird demnächst breit veröffentlicht werden. Wobei es den Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern nicht um das einzelne Wort oder die optimale Formulierung geht, sondern darum, endlich das notwendige Zeichen zum Widerspruch und zur Eröffnung einer breiten und fairen Debatte zu setzen!

https://bruchstuecke.info/2021/04/05/indianerhaeuptling-ein-schaendlich-diskriminierender-ausdruck/